Neues aus der Nachbarschaft

Inredible Edible-Wer mitisst, ist dabei

Todmorden, das klingt auf Deutsch erst einmal weniger gut. Tatsächlich wird das Städtchen aber harmloser Toddmodden ausgesprochen und außerdem sind angesichts der Geschichte der englischen Stadt die Assoziationen zum Namen völlig unerheblich, denn es gibt Bemerkenswerteres: die Bewohner von Todmorden versorgen sich durch öffentliche Obst- und Gemüsegärten zu einem Großteil selbst mit Lebensmitteln und haben auch darüber hinaus einiges bewirkt.

Die Propaganda Beete wachsen

Die Initiatorinnen Mary Clear und Pam Warhust starteten 2008 zusammen mit den ersten Freiwilligen mit ihren selbst ernannten „Propaganda Beeten“ eine wahre Revolution. Durch das freiwillige Pflanzen von Obst und Gemüse wurden zuvor unansehnliche oder brachliegenden Plätze in schöne und eben vor allem essbare Orte verwandelt. Mittlerweile sind die Pflanzungen der Bewegung, die den Namen „Incredible Edibel“ trägt, in der ganzen Stadt zu finden. Zwischen Parkplätzen, auf Schulhöfen und auf vielen zuvor brachliegenden Flächen wachsen nun zum Beispiel Äpfel, Kirschen, Aprikosen, Erdbeeren, Bohnen, Kartoffeln, Möhren, Salate und verschiedene Sorten duftender Kräuter. Und alles darf mitgenommen bzw. gegessen werden.

Das Duo mit dem grünen Daumen

Eine der Initiatorinnen des Projektes ist Mary Clear. Die pensionierte Gärtnerin riss vor mittlerweile fast 10 Jahren die Mauer zu ihrem Gemüsegarten ein und brachte ein Schild an. Kommt bedient euch! stand darauf. Mit dabei war auch ihre Freundin Pam Warhust, die zusammen mit Mary „Incredible Edible“ am heimischen Küchentisch gründete, nachdem sie einen Vortrag zum Thema Nachhaltigkeit gehört hatte und endlich konkret etwas tun wollte. Die eigene Herstellung von Lebensmitteln erschien Mary und ihrer Freundin Pam, einer ehemaligen Restaurantbesitzerin, am naheliegensten und sie legten los.

Weichende Skepsis und royaler Besuch

Bei einem ersten Treffen, das die beiden Frauen anberaumten, kamen unerwartet viele Leute, die Lust hatten, etwas zu verändern. Mit Nick Green fanden die Frauen einen ersten Guerillagärtner voller Tatendrang, der nachts Kräuter und Kohl in brachliegende Beete säte und Kirschbäume zwischen Supermarktparkplätze pflanzte. Einige Skeptiker gab es auch. Wer würde die Beete pflegen? Was sollte das ganze überhaupt? Doch auch die anfänglichen Bedenken wichen angesichts der erfolgreichen und gepflegten Pflanzungen mit der Zeit.

Spätestens im Jahr 2009 wurde dann nahezu allen bewusst, dass in ihrem Städtchen etwas Einzigartiges entstanden war. Prinz Charles ließ es sich nicht nehmen, sich das Projekt in Todmorden persönlich anzuschauen. Der royale Naturliebhaber war begeistert von der bepflanzten Stadt, trotz der damals noch fehlenden offiziellen Genehmigungen für die Pflanzungen. Die beiden Frauen hatten nämlich einfach losgelegt, ohne auf Genehmigungen und Formulare der Stadtverwaltung zu warten. Mittlerweile stehen auch der Bürgermeister und die örtlichen Behörden hinter dem Projekt.

Mehr als nur Gemüse : das Konzept der Bewegung

Mary und Pam erklären, dass drei Aspekte die „Incredible Edible“ Bewegung so erfolgreich machen: Bildung (Learning), Ökonomie (Business) und Gemeinsinn (Community). Der Bildungsaspekt betrifft besonders Kinder und Jugendliche. Sie sollen durch das Projekt wieder einen Bezug zur Nahrungsherstellung erlangen und erfahren wie wichtig der Umgang mit der Natur, und hier besonders mit dem Boden, ist. Der zweite Aspekt ist die Ökonomie auf lokaler Ebene. „Incredible Edible“ stärkt nachweislich die lokale Wirtschaft und lokale Kreisläufe. Das Projekt will außerdem den Gemeinsinn und die Kommunikation untereinander fördern. Besonders Mary macht in Interviews immer wieder deutlich, wie wichtig das Teilen und Kommunizieren für Menschen ist. Dass es Menschen Freude gibt, etwas zu pflegen und etwas zu geben. Und genau wie Pam ist sie froh darüber, dass sie einfach losgelegt haben ohne vorher ein „Wir retten die Welt Konzept“ zu erstellen, das sie möglicherweise gebremst hätte.

Positive Auswirkungen und globale Vernetzung

Die Entwicklung des Projektes ist bemerkenswert und die Auswirkungen der entstandenen öffentlichen Gärten sind durchweg positiv, das bestätigt auch die örtliche Polizei: Die Kriminalitätsrate sank, Gemeinschaftssinn und Naturverbundenheit wuchsen. Ein Großteil der Bewohner beteiligt sich an den Pflanzungen, der Organisation und Pflege. Mittlerweile ist das Projekt längst aus Marys Garten herausgewachsen und zieht weite Kreise: Es gibt Kochkurse für Kinder, gemeinsame Feste, Einkochseminare, touristische Führungen und soziale Projekte. Auch verschiedene Schulen beteiligen sich an der – so sagt es Mary- „sanften Revolution“. Es gibt einen Obstnaschgarten mit köstlichen Beeren und ein Schulprojekt für Hühnerhaltung, denn auch die Eier für die Schulmensa sollen aus Todmorden stammen. Der Titel: „Every Egg Matters“.

Und nicht nur in Todmorden hat sich durch das Projekt vieles verändert. Im Jahr 2017 waren im Incredible Edible Network UK mehr als 100 Gruppen vernetzt. Das Prinzip der essbaren Stadt kommt an, denn es geht um ein wichtiges Gut: Nahrungsmittel. Dies ist für Mary und Pam auch das verbindende Element, das Incredible Edible so erfolgreich macht. Jeder muss essen und das vereint auch die verschiedenen Gruppen und Nationalitäten in der Stadt. Statt Streit oder Ignoranz gäbe es mittlerweile Gespräche und Austausch zum Beispiel über die besten Anbaumethoden oder das leckerste Rezept für Mixed Pickles.

Weltweites Vorbild- Zukunft Essbare Stadt?

Todmorden gilt als weltweites Vorbild. Ob zum Beispiel in Kanada, Deutschland oder China, das Interesse an öffentliche Obst und Gemüsegärten und regionaler Lebensmittelversorgung wächst. Vielerorts ist man wohl der Meinung, dass die Zeit für Ligusterhecken und Ziersträucher gekommen ist. So zum Beispiel auch in Andernach. In der kleinen Stadt am Rhein werden auf öffentlichen Brachen Nutzpflanzen angebaut: Weinreben, Salat, Tomaten, Mangold oder Kürbis. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung. So wurden öffentlichen Parks und Grünanlagen zum Selbstbedienungsgarten für die Bürger. Mary und ihre Mitstreiterinnen sind auf jeden Fall froh froh über jeden „Nachahmer“.

Die sanften Revoluzzer aus Todmorden sind sich der politischen Tragweite ihrer Gärten vielleicht nicht alle bewusst, aber Mary Clear macht klar, wie wichtig kleine und grosse Selbstversorgungsprojekte für uns alle sind :

Wir glauben, dass die Politik das Ernährungsproblem der Welt nicht lösen wird. Geld wird die Menschen nicht satt machen.Die Wissenschaft auch nicht. Helfen wird nur Gemeinsinn. „

 

Text: Rieke Leemhuis
Fotos: Incredible Edible Todmorden
Zitat:10 Milliarden, Wie werden wir alle satt? Dokumentarfilm 2015

http://incredibleediblenetwork.org.uk
https://www.incredible-edible-todmorden.co.uk

 

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