Neues aus der Nachbarschaft

Utopie einer teilenden Gesellschaft

Es ist schön zu sehen, wenn kleine Kinder etwas teilen. Wenn sie lernen, dass Teilen etwas ist, das sie und andere glücklich macht. Dieser Prozess ist nicht immer leicht und es gibt Phasen, da möchten die Kleinen nicht teilen, nichts abgeben. Alles für sich haben. Wenn sie dann aber unerwartet etwas abbekommen von der großen Schwester oder dem Kittfreund, ist die Freude groß und sie beginnen in den meisten Fällen den Reiz daran zu entdecken, etwas abzugeben und sich und anderen damit eine Freude zu machen.

Nicht alle Teilen gern

Auch wir Erwachsenen haben manchmal unsere Schwierigkeiten mit dem Teilen. Viele Menschen verleihen ungern ihr Hab und Gut. Manche verteidigen sogar ihren Sperrmüll bis aufs Blut. Soll das alte Sofa lieber in die Müllpresse, als das es bei fremden Leuten im Wohnzimmer steht. Hinter dieser Angst vorm Teilen steckt oft die Angst eines Wertverlustes oder einer Verschiebung von Besitzverhältnissen. Ich hab weniger, du hast mehr. Naheliegt außerdem,dass Menschen, die durch materielle oder geistige Besitztümer ihren Selbstwert beziehen, größere Schwierigkeiten haben, etwas abzugeben. Das hat auch mit der kulturellen Bedeutung von Privatbesitz zu tun. Im sozialistisch geprägten China, wo der Besitz von Privatgütern unter MAO keine große Rolle spielen durfte,  sind einer Studie der Bank of America Merrill Lynch zufolge 78 Prozent Befragten dazu bereit, eigene Güter leihweise und gegen Bezahlung zu teilen. Ganze  81 Prozent würden Güter von anderen gegen eine Leihgebühr nutzen. In Nordamerika dagegen sind laut der Studie  nur 52 Prozent der Befragten bereit, eigene Güter zu teilen und nur 43 Prozent würden Güter von anderen Privatleuten nutzen.

Eine teilende Gesellschaft ist also nicht für alle eine wünschenswerte Utopie. Bei einer Studie der Uni Lüneburg aus dem Jahre 2012 sprachen sich weniger als die Hälfte der Befragten  für eine teilende Gesellschaft aus, bzw. zeigten kein Interesse daran. Dabei ist das Teilen Grundlage jeglicher Beziehungen. Wir teilen nicht nur Dinge, sondern auch Erlebnisse, Wissen, Gefühle und auch Einstellungen und Sichtweisen. Durch das Teilen ensteht im Prinzip nicht  Weniger , sondern mehr. Schon vor 15 Jahren standen in Amsterdam vor vielen Häusern kleine Kisten mit Büchern, Kerzenständern und allerlei  schönen Dingen. Gratis stand da drauf. Einfach so  zum mitnehmen. Damals hätte soetwas in deutschen Städten wohl eher Unverstaendnis ausgelöst. Heute gibt es auch hierzlande Give Boxen mit Büchern oder anderen Dingen zum Mitnehmen. Das Konzept der Umsonstläden setzt außerdem schon lange auf ein Konzept, das ohne Gegenleistung auskommt.  Aber es gibt auch heute noch viele Leute, die ihre abgeliebten Besitztümer lieber in den Müll werfen, als sie weiter zu geben.

Sharing Economy: Fluch oder Segen

Zu teilen war schon immer ein wichtiger Faktor von Gesellschaften und Beziehungen und die  Wichtigkeit des Teilens wächst immer weiter. Wir teilen heute Vieles: Autos, Musik, Lebensmittel, Wohnungen, Sofas und Jobs. Dieses Teilen hat unter dem Namen Sharing Economy auch das Interesse von Ökonomen geweckt. Wissenschaftler wie der Soziologe Jeremy  Rifkin sind überzeugt, dass das kapitalistische System in circa 35 Jahren ausgedient haben wird. Die neue Ökonomie des Tauschens und Teilens werde ihren Siegeszug über das bisherige Wirtschaftssystem antreten und sogar zum Niedergang des Kapitalismus führen. Die neue nun bereits entstehende Wirtschaftsform sei dann eine Ökonomie, die nicht mehr auf Profit und Konkurrenz beruht, sondern auf der Idee des Teilens und dem kooperativen Nutzen von Ressourcen. Rifkin und andere gehen davon aus, dass sich der Kapitalismus quasi selbst abschafft und sich von selbst transformiert.

Andere Wissenschaftler zweifeln daran, dass der Wechsel zu eine Sharing Economy ein wirklicher Wandel ist. Viele Sharing Angebote dienten dazu, dass bisher nicht optimal genutzte Kapazitäten von Wohnungen, Autos oder menschlichem Wissen, noch besser verwertet und letztlich kapitalisiert und effizienter genutzt werden. Nach wie vor wären da eben Profiteure und diejenigen, die nichts oder weniger abbekommen oder sich mit ihren Leistungen oder Angeboten unter Wert in den Dienst großer Sharing Unternehmen stellen.

Wissenschaftler wie Max Dörre betonen, dass ein soziales Netzwerk von  Nöten ist, das vom Grunde her nicht kapitalistisch ist. Grundlage müsse vielmehr eine gemeinsame Wertebasis und ein Überzeugungssystem, das nicht marktförmig ausgerichtet ist, „weil nur das die Werte und Vertrauensbasis schafft, die erforderlich sind, um das Kooperationsverhältnis aufrechtzuerhalten.“ Ohne dieses System verleibe sich der Kapitalismus die neuen  Strukturen ein. Es gäbe dann zwar eine Sharing Economy, aber ohne einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel mit neuen Formen des Eigentums und der Kooperation.

Aber auch skeptische Wissenschaftler sehen auch neue Strukturen eines „echten Teilens“, bei dem ein Mehrwert für alle entsteht. Dazu gehören Konzepte einer solidarischen Landwirtschaft, essbare Städte oder auch Nachbarschaftsinitiativen, die Zugänge und Teilhabe ermöglichen und die Menschen zusammenbringen, die dann wie zum Beispiel beim Repaircafe ihr Wissen und Know-how teilen.

Mit meinen Freunden teile ich

Unabhängig von wissenschaftlichen Analysen und Prognosen praktizieren wir alle das Konzept des Kooperierens, Teilens und Tauschens ganz natürlich im  Familien und -Freundeskreis und unter Nachbarn. Wir geben Klamotten oder Spielzeug weiter und nehmen es entgegen, wir verleihen unsere Bohrmaschine, wir helfen beim Anlegen eines Gartens, wir  passen auf Nachbarskatzen auf, helfen bei der Vorbereitung einer Feier oder bei der Suche nach einer Wohnung. Kürzlich habe ich zum Beispiel eine Kiste voller Saatgut geteilt oder geschenkt gekommen und mich riesig gefreut. Ich wiederum habe spontan meine Handschuhe verschenkt an jemanden mit kalten Händen.

Wir teilen, kooperieren und Tauschen also alle regelmäßig ohne einen direkten Gewinn zu erzielen oder einen zukünftigen Gegenwert erhalten. Ganz im Gegenteil investieren wir sogar unsere Zeit, unsere Ressourcen, unser Geld. Wir tun es, weil es uns Freude macht und auch weil es sich wohl einfach  richtig anfühlt.

Ob und wie wir es schaffen, diese Freude am Teilen und Kooperieren über unseren direkten Kreis hinaus auszudehnen und vielleicht sogar auf die ganze Welt zu beziehen, wird sich zeigen.

#Unite and Share

#Wir alle sind Nachbarn

 

Quellen/Mehr INFOS:

www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/die-utopie-vom-teilen

www.faz.net/aktuell/wirtschaft/sharing-economy-koennen-sozialisten-besser-teilen-15180302-p2.html

www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/sharing-economy-teilen-tauschen-airbnb-uber-trend

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